Keine Kürzungen im Kulturbereich
Eine Initative der Kulturschaffenden in Osnabrück
Es geht um die gesamte Kulturszene Osnabrücks Drucken

Theaterintendant Holger Schulze im Gesprach mit der ON (22.01.2010)


Man darf Fragen stellen, kreative Vorschläge sind noch besser. Theater-Intendant Holger Schultze sitzt keineswegs auf gepackten Koffern, im ON-Interview schlägt er konkrete Modelle vor, wie sich die Kulturszene Osnabrücks aus der Schlinge schmerzhafter Kürzungen befreien könnte.
 

Es ist fünf vor zwölf, am 16. 2. sind im Osnabrücker Rat wegweisende Entscheidung zur Konsolidierung des mit ca. 56 Mio. Defizit angeschlagenen Haushalts zu erwarten. Ich war mit Herrn Hagedorn Mitte der Woche ein Bier trinken, und wir haben uns ausgesprochen”, berichtet Schultze über die Auseinandersetzung mit den Grünen. ,,Es geht um die gesamte Kulturszene in Osnabrück”, da waren sich der Intendant und der Grünen-Fraktionschef völlig einig. Es geht darum, auf kreativen Wegen alternative Finanzierungen zu erschließen. Schultze beschreibt im Gespräch mit ON-Reporter Werner Hülsmann ziemlich konkret ein Modell für die Kulturförderung: ,,Die Umsetzung könnte durch ein bis zwei Benefizveranstaltungen aller von der Stadt geförderten Kultureinrichtungen erfolgen.” 



Einen Brückenschlag zwischen der freien Szene und den etablierten Kultureinrichtungen sowie ,,ein Bekenntnis der Bürgerschaft und Politik zur Vielfalt der kulturellen Szene” fordert Schultze. Ein Fonds und ein Förderverein sind seine Bausteine, um Kultur ,,mittelfristig auf festere Füße zu stellen“.


Herr Schultze, die Osnabrücker Kultur funkt SOS, auch wir berichteten ja mehrfach. Am 5. 2. (interfraktionelle Vorgespräche) und 16. 2. (Ratssitzung mit wegweisenden Konsolidierungsentscheidungen) werden wichtige Sparentscheidungen getroffen. Neid, Missgunst und Vorhaltungen – auch Sie wirken angesichts drohender Kürzungen angefressen, enttäuscht, aber auch entschlossen. Warum engagieren Sie sich noch so für das Theater Osnabrück, Sie gehen doch nach Heidelberg?

 

Sie  haben  Recht,  die ganze Diskussion um Einsparungen für das Theater betrifft nicht mehr meine Ära. Die nächste Spielzeit ist bereits durchgeplant und die Verträge sind abgeschlossen.


Aber es geht um etwas anderes: Ich habe hier Menschen kennen gelernt, die sich für ein erstklassiges Theater einsetzen und das muss weitergeführt werden. Die Politik hat parteiübergreifend in der Zeit meiner Intendanz, bisher immer hinter dem Theater gestanden.  Auch dadurch ist es gelungen, diese großen Erfolg hinzubekommen. Ein anderer Faktor ist die Hilfe vieler gesellschaftlicher Gruppen durch die es geglückt ist, Schulprojekte zu entwickeln, die über 60 000 Schülern den Zugang zum Theater ermöglichen.


Mal Klartext,  100.000 Euro sind gut ein Prozent des städtischen Zuschusses, wie erklären Sie z. B. einem mittelständischen Unternehmer und Meister im ,,Gürtel enger schnallen”, dass dann kein Theater mehr möglich wäre?

 

Nein, natürlich wird das Theater auch diese Einsparung irgendwie überleben, aber 100 000 Euro bedeuten z. B. dass die Hälfte der Neuproduktionen im Großen Haus  - sieben  Stücke -  weder Bühnenbild noch Kostüme hätten. Oder die drei Theaterpädagogen müssten gekündigt und das theaterpädagogische Angebot eingestellt werden. Oder OSKAR, das Kinder – und Jugendtheater, das deutschlandweit ob seines Gründungskonzepts für Furore sorgt, hätte keinen Regieassistenten, keinen Inspizienten und keine eigenen Bühnentechniker mehr. Somit wären keine Gastspiele im Umland mehr möglich und die Vorstellungszahl im emma-theater ginge deutlich zurück. Statt 15 000 Kinder und Jugendliche würden nur noch 5000 jährlich pro Spielzeit erreicht oder während der kalten Jahreszeit können die Theatergebäude nicht mehr beheizt werden. Und wir reden ja nicht nur über 100 000 Euro sondern davon, dass der Zuschussvertrag des Landes Niedersachsen vorsieht, dass bei einer Kürzung durch die Stadt das Land seinen Zuschuss in gleicher Höhe verringern kann.


Theater und Bildung – für manche das perfekte Alibi, für andere dynamisch verzahnt?

 

Gerade das Theater Osnabrück hat in den letzten Jahren durch seine ausgezeichnete Arbeit mit und für Kinder und Jugendliche bundesweit für Beachtung gesorgt. Kaum ein anderes Haus innerhalb von Deutschland in der Größenordnung Osnabrücks schafft es, drei Theaterpädagogen zu beschäftigen, die sich intensiv um die Betreuung der Schüler bemühen. So gibt es z. B. fünf verschiedene Theatergruppen, die junge Menschen unterschiedlichsten Alters ansprechen und quer durch alle Bildungsschichten gehen, von den Theatermäusen (7-bis 12-Jährige), dem Jugendclub Mania (14- bis 20-Jährige), über das Theater der Generationen (ab 12 Jahren) und den Amigos Bandidos (Jugendlichen mit Migrationshintergrund) hin zu den Bühnenläufern, eine neue Kooperation mit der Volkshochschule Osnabrück.

Weiterhin engagiert sich das Osnabrücker Theater auch ganz bewusst auf sozialem Gebiet. So ist z. B. eine enge Koo

peration mit der Diakonie Wohnstift Westerberg ebenso selbstverständlich wie Vorstellungen zu besonders günstigen Konditionen für Hartz IV Empfänger, also sozial schwächeren Menschen. Sicher ist es unnötig daran zu erinnern, dass hier in Osnabrück bereits des Öfteren ganz gezielt Aufführungen für sehbehinderte Menschen realisiert wurden. Die Effizienzsteigerung des Theaters seit 2005 mit der Gründung von OSKAR, dem Kinder- und Jugendtheater, der Etablierung der Schulpartnerschaften hat noch allerletzte Reserven mobilisiert, die allerdings nicht mehr zu Toppen sind und die Mitarbeiter bereits jetzt an den absoluten Rand der Belastbarkeit bringen. Das Fazit aller dieser Anstrengungen hat die 16-jährige Hauptschülern Arzu Atayli anlässlich der Hundertjahrfeier zum  Ausdruck gebracht: „Wer Theater nicht versteht, versteht die Welt nicht.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.


Schultze versus Hagedorn – eigentlich eine Runde ohne Punkte und Richter.  Wie geht es denn jetzt mit der Auseinandersetzung mit den Grünen weiter?

 

Die ist doch schon beendet. Ich habe mich mit Herrn Hagedorn Mitte der Woche getroffen  und wir haben uns ausgesprochen. Es war ein sehr humorvoller und informativer Abend und an einem Punkt waren wir uns einig: es geht um die gesamte Kulturszene in Osnabrück. Und diese Diskussion, ob nun das Theater, die Lagerhalle oder doch lieber das Figurentheater sparen sollen, ist einfach nicht konstruktiv und ganz schön ätzend. Tatsache ist, dass alle diese Institutionen nicht mehr wirklich sparen können und sich dieser Zustand in den nächsten Jahren verschlimmern wird.


Das Leben ist kein Ponyhof… Politiker müssen angesichts der defizitären Lage sparen, Kultur soll nicht zerstört werden, wie soll das gehen?

 

Lassen Sie uns doch mal einen Augenblick annehmen, es würde gelingen Politik, Kulturszene und Gesellschaft in Osnabrück in ein Boot zu bekommen und gemeinsam ein Modell für die Kulturförderung zu entwickeln und durch bürgerschaftliches Engagement die Kultur in Osnabrück stärken. Konkret bedeutet dies, dass jährlich mindestens 200 000 Euro durch Spenden eingeworben werden. Die Umsetzung könnte durch ein bis zwei Benefizveranstaltungen aller von der Stadt geförderten Kultureinrichtungen erfolgen. Die eingespielten Beträge werden in einen Fonds eingezahlt und je nach Größe und Leistungsfähigkeit der jeweiligen Einrichtung gestaffelt. Wenn eine Einrichtung ihren festgeschriebenen Jahresbetrag nicht erbringt, wird dieser vom Zuschuss durch die Stadt abgezogen und in den Fonds eingezahlt. So müsste das Theater z. B. 15000 Euro einbringen, die Lagerhalle vielleicht 3000 Euro, das Figurentheater 500 Euro und so weiter. Gut frequentierte von der Stadt unterstützte Einrichtungen verpflichten sich von jeder Eintrittskarte 10 oder 20 Cent an den Kulturfonds abzuführen, also einen Betrag der niemandem weh tut, der aber bei der Anzahl der verkauften Eintrittskarten eine große Summe erbringen würde.


Sie sind ja nicht zu bremsen… Was ist noch möglich? 

 

Zusätzlich gründen wir einen Förderverein für die Osnabrücker Kultur. Wenn allein die fünftausend Menschen, die Ihre Unterschriften zum Erhalt des Figurentheater gegeben haben, jeden Monat einen Euro spenden würden, hätten wir schon 60 000 Euro. Im Gegenzug müssten sich die politischen Parteien verpflichten bei Gründung dieses Kulturfonds den einzahlenden Einrichtungen in den nächsten vier Jahren (2011– 2015) keine Kürzungen mehr aufzuerlegen. Verwaltet würde dieser Fonds von den freien Trägern und einem zu gründenden Förderverein. Zuerst werden die Einrichtungen bedient, denen Fördergelder gestrichen wurden. Der Rest des Geldes wird unter den einzahlenden Institutionen aufgeteilt. Ich wage die Behauptung, dass wir in diesen vier Jahren mehr Geld für die Kultur hätten und dieses Modell zukunftsweisend auch über Osnabrück hinaus strahlen könnte. Aber wir müssen es jetzt machen wo der Druck hoch ist und viele bereit wären mitzumachen. Den Oberbürgermeister und die Kulturdezernentin habe ich schon für diese Idee gewonnen. Wir würden damit sicher nicht die Welt retten, aber wir könnten gemeinsam ein Zeichen setzen wie wichtig in Osnabrück die Kultur ist und würden Zeit gewinnen, ein Modell zu entwickeln, das die Kultur mittelfristig auf festere Füße stellt.


Klingt gar nicht mal nach Utopia, sondern machbar! Was bedeutet unter dem Strich dieser zukunftsweisende Fonds?

 

Ein Brückenschlag zwischen der freien Szene und den etablierten Kultureinrichtungen sowie ein Bekenntnis der Bürgerschaft und Politik zur Vielfalt der kulturellen Szene. Dadurch kann ein öffentlicher Diskurs herbeigeführt werden, der dazu führt,  dass über die mittelfristige Stärkung der kommunalen Kultur nachgedacht wird. Bei der gerade stattgefundenen  Intendantentagung in Berlin waren diese Sparmaßnahmen das Thema, da allen Städten das Wasser bis zum Halse steht. Der Grundtenor war, dass die Fehler nicht bei den Kommunen zu suchen sind, sondern bei der finanziellen Umverteilung durch den Bund.


Quelle: http://www.on-live.de/nachrichten/interview/20100123-schultze.html



Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 26. Januar 2010 um 23:25 Uhr