Keine Kürzungen im Kulturbereich
Eine Initative der Kulturschaffenden in Osnabrück
Pyramiden oder Kahlschlag? Drucken

Der Disput zwischen Theaterintendant Holger Schultze und Grünen-Fraktionschef Michael Hagedorn zeigt, dass in der Kulturszene die Nerven blank liegen. Mühsam zugeschüttete Gräben zwischen der freien Szene und den subventionierten Kulturbetrieben klaffen wieder in alter Tiefe, und einmal mehr stellt sich die Frage: Welche Kultur braucht Osnabrück?




Auf gerade einmal 500 Zuhörer blickte Albrecht Mayer bei seinem Konzert letztes Jahr in der Osnabrückhalle. Der Star-Oboist nahm das mit Humor, freute sich über die „intime Atmosphäre“ des Kongress-Saales, doch in Wirklichkeit erzählt das Konzert im kleinen Rahmen von den Problemen mit klassischer Musik in Osnabrück. Nachdem sich die Münsteraner Konzertagentur Schoneberg aus der Osnabrückhalle zurückgezogen hat, liegt dieses Feld brach, sieht man mal von den Konzerten des städtischen Orchesters ab. Selbst ein Star wie Mayer steht da allein auf weiter Flur, wenn es darum geht, das Klassik-Segment zu reanimieren. Ein Segment wohlgemerkt, das boomt; neue Konzerthäuser im ganzen Land beweisen es.


Nun hat dieser Fall nicht unmittelbar mit der städtischen Finanzmisere zu tun. Aber er zeigt, wie schwer sich Kulturbrachen in blühende Landschaften verwandeln lassen – was weg ist, ist weg. Das sagt auch Domchordirektor Johannes Rahe in einem offenen Brief an die Kulturverwaltung und den Rat der Stadt: „Wie in der Natur ist es allemal sinnvoller, einen neuen Wald zu pflanzen, als sich ständig kurzfristig mit Kübelpflanzen zu umgeben.“


Auch Rahe ist betroffen vom Streichkonzert, zu dem die Verwaltung geladen hat, in dem aber die Politik den Ton angeben muss. Bisher erinnert das an die knisternde Stille in John Cages 4’33. Dabei reiht die Partitur schneidend scharfe Dissonanzen aneinander: Die Zuschüsse für das Figurentheater, für das Zimmertheater, für den Jugendchor stehen zur Disposition. Doch auch über die Wohlklänge will sich manch einer nicht so recht freuen: Dass der Theateretat unangetastet bleibt, stößt freien Kulturträgern übel auf, auch wenn das keiner äußern mag.


Wer aber ein Theater will, muss es entsprechend ausstatten. Zumal das Strategiepapier der Verwaltung auf klare Prioritäten setzt. Eine der wichtigsten lautet: überregionale Profilierung. Deshalb konzentriert sich die städtische Kulturpolitik auf EMAF, Filmfest, Morgenland Festival und auf das Theater. „Leuchtturm“-Kultur.


Gespart werden muss trotzdem, was niemand bestreitet, auch nicht die freien Kulturträger. Trotzdem müssen die das Licht herunterdimmen oder gar ausknipsen. Dabei liefert eine lebendige freie Szene den Humus, auf dem auch die Hochkultur eines Theaters gedeihen kann. „Pyramidenstruktur“ nennt Rahe das: „Breite Basis – hohe Spitze“, schreibt er in seinem Brief.


Wie kaum eine andere Kulturinstitution in Osnabrück führt er mit seinem Dom- und dem Jugendchor vor, wie kulturelle Basisarbeit bei den Kleinsten mit überregionaler Strahlkraft durch CDs und Konzerte in aller Welt Hand in Hand gehen kann. Umso mehr ärgert Rahe, seine knapp 18000 Euro Zuschuss auf der Streichliste wiederzufinden. Damit finanziert er eine Assistentenstelle für die musikalische Basisarbeit an Grundschulen in Stadt und Landkreis.


Noch mehr aber wurmt ihn, dass er erst über die Presse von den Plänen erfuhr. Damit fügt er sich ein in den Chor der Gescholtenen von Aktionszentrum 3. Welt bis Zimmertheater, die unisono das gleiche Lied singen: von einer Kulturpolitik, die erst schwere Geschosse abfeuert, bevor sie mit den Betroffenen spricht. Dabei könnte gerade eine Gesprächskultur, die dem Auftrag als Friedensstadt entspricht, die Kreativität freisetzen, die nötig ist, um die schweren Probleme zu lösen. Fest steht auf jeden Fall: Kahlschläge lassen sich nicht rückgängig machen.


Von Ralf Döring
Osnabrück


Quelle: http://www.neue-oz.de/information/noz_print/feuilleton/24457640.html



Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 27. Januar 2010 um 20:15 Uhr