Keine Kürzungen im Kulturbereich
Eine Initative der Kulturschaffenden in Osnabrück
Tiefenbohrung im Untergrund deutscher Kulturlandschaft Drucken

Literaturtipp

Debatten um Kulturpolitik sind groß in Mode. Mit wirklicher Kenntnis um kulturpolitische
Zusammenhänge muss das nicht immer zu tun haben. Beste Chancen für eine nachhaltige Anhebung
des einschlägigen Diskussionsniveaus eröffnet jetzt ein Buch, das eine empfindlich klaffende Lücke
schließt. Bernd Wagners voluminöser Band „Fürstenhof und Bürgergesellschaft“ liefert eine
Geschichte deutscher Kulturpolitik vom Beginn der Neuzeit bis zum Anbruch des 20. Jahrhunderts.
Das ist verdienstvoll, mehr noch, bahnbrechend.

Denn Wagners Darstellung meistert nicht nur die Herkulesaufgabe, die Verläufe von politischer
Geschichte, Entwicklung der Künste und ihrer Institutionen, Träger sowie Publikumsschichten gekonnt zu
kombinieren. Er formt aus unübersehbarer Stoffmasse auch eine Erzählung, die dem Leser deutlich macht,
wie Deutschlands einmalige Kulturlandschaft zu dem wurde, was sie heute in aller Vielgestaltigkeit ist.
Dabei hat der Historiker Wagner seinen Blick sowohl soziologisch wie kulturpolitisch geschärft. Die
Studie gewinnt dadurch Tiefenschärfe. Zudem leitet sich das Erkenntnisinteresse aus aktuellem Befund
her. Kulturpolitik ist in der Krise, das Gleichgewicht zwischen Politik, Bürgergesellschaft und privatem
Sektor muss neu austariert werden. So lautet, ganz kurz gefasst, die Diagnose Wagners.
Sein Blick zurück fördert reichlich Material und Einsichten zu Tage, dass aktuelle Debatten strukturieren
hilft. Die erste Einsicht: Die deutsche Kulturlandschaft verdient Wertschätzung, weil sie sich einem
komplexen Prozess verdankt, in dessen Verlauf vielfältige Instanzen und Träger miteinander interagierten.
Die zweite Einsicht: Die Vorstellung einer öffentlich subventionierten Kultur ist historisch jungen Datums.
Es gab lange Zeiten, in denen große Kulturleistungen unter ganz anderen Bedingungen zustande kamen.
Damit sind manche Glaubensgrundsätze gegenwärtiger Kulturpolitik relativiert, manche
Anspruchshaltungen erschüttert. Im gleichen Moment entsteht jedoch Bewegungsspielraum für frische
konzeptionelle Überlegungen. Wagners monumentales Buch eröffnet neue Vorstellungsräume. Das allein
ist nicht hoch genug einzuschätzen.


lü Osnabrück


© Neue OZ online 2009



Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 17. April 2010 um 11:41 Uhr